Unter Spannung riss die Dreierkette

Jens pruess <<23. Dezember 2016>>

Ein Bundesligaverein muss heute wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt werden. Schließlich geht es um viel Geld. Deshalb muss ein Bundesligaverein wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt werden. Denn es geht um viel Geld. Also muss… und so weiter.

Jede Logik ist so stimmig wie die Zeit, aus der sie stammt. Als die obigen Sätze geprägt wurden, schrieben wir noch die sechziger Jahre; Wirtschaftsunternehmen wurden von weit blickenden, Zigarre rauchenden Unternehmern so geführt, dass Wohlstand und Arbeitsplätze in Sicherheit waren und ein Ende des Wachstums anscheinend nicht in Sicht.

Einer schien dem Klischee genau zu entsprechen: Franz Kremer, der damals berühmte Präsident des 1.FC Köln, der den Verein schon zielstrebig für die Bundesliga fit gemacht hatte, als deren Gründungsjahr noch gar nicht feststand. Kremer war ein „Wirtschaftsboss“, gleichzeitig Vereinspatriarch alten Schlages und trotzdem „modern denkend“, was immer das genau hieß, und wenn ich mich recht entsinne, stets mit Zigarre abgebildet.

Werner Hackmann raucht Zigarillos, obwohl er und die Öffentlichkeit wissen, dass er das nicht tun sollte. Ansonsten erinnert nichts an ihm an das Bild jenes Franz Kremer, und das gilt nicht nur äußerlich. Auch die Machtfrage stellte sich für den früheren Politiker, der dann zum HSV- und Liga-Boss aufstieg, im Sommer 2002 anders.

In ein paar Monaten würde sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender über den 30.Juni 2003 hinaus verlängert oder auch nicht – das war die Situation damals. . Die Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat, dem entscheidenden Gremium, waren undurchsichtig.  Ein früherer Innensenator, Manager der Umwandlung eines Vereins zum Wirtschaftsunternehmen, Baumeister des neuen Stadions, der geduldig abwartet, ob man ihn im Frühjahr gnädigerweise noch will? Über den Dingen stehend und alle bisherigen Querelen vergessend? Das war nicht eben wahrscheinlich, und in der Tat kam es dann ja anders, auch wenn er sich im August 2002 noch so versöhnlich gab und als neue Einsicht verkündete: „Man sollte öfter mal das Maul halten“.

So etwas äußerte er bei der Podiumsdiskussion im „Haus des Sports“, einem Gebäude im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, in dessen Vorhängen noch der Zigarettenrauch der sechziger Jahre hing. Auf dem Podium saßen Werner Hackmann und Udo Bandow friedlich nebeneinander, flankiert von weiteren personifizierten Streitfällen namens Koninski und Beiersdorfer. Es ging darum, ein bisschen Luft aus den Schlagzeilen zu lassen, die da zum Beispiel lauteten: „Warum Hackmann scheiterte“ (HA vom 25.Juli), aber dann auch wieder: „Hackmann: Gewinnt er doch den Machtkampf?“ (Morgenpost vom 29.Juli).

Der Machtkampf, wenn es denn einer war, mit und gegen Udo Bandow ging zunächst unentschieden in die Verlängerung. Bandow, der Banker und Börsenpräsident, war (und ist auch 2004) Vorsitzender des Aufsichtsrates.  Eine tiefe Männerfreundschaft zwischen ihm und Hackmann war  offenbar nicht entstanden. Staunend musste jedenfalls die Öffentlichkeit immer wieder heftige Konflikte, vor allem um Personalien, zur Kenntnis nehmen. Walter Koninski, bis Oktober 2002 Abteilungsleiter der Fördernden Mitglieder, hatte sich in deren Namen demonstrativ hinter Hackmann und gegen Bandow gestellt und diesem sogar eine Art öffentliche Rüge erteilen wollen. Aktueller Stein des Anstoßes war der Aufsichtsratsbeschluss, den Vertrag mit Sportchef Holger Hieronymus nicht zu verlängern, und der Umstand, dass Hackmann, wie es hieß, davon aus der Zeitung erfahren hatte. Noch war Hieronymus, den Hackmann behalten wollte, offiziell im Amt. Auf dem Podium, wenngleich am Rande und von den anwesenden Mitgliedern kaum beachtet, saß aber schon der vom Aufsichtsrat vorgesehene Nachfolger Dietmar Beiersdorfer. Fazit des Abends: Wir machen gemeinsam weiter, erstmal. Keine drei Monate danach erklärte Werner Hackmann seinen Verzicht auf die Vertragsverlängerung, weil er mit keiner Mehrheit im Aufsichtsrat mehr rechnete.

Besser lief es für den geduldig ausharrenden Beiersdorfer, den neuen Sportlichen Leiter (auch Sportchef oder Sportdirektor genannt) und 3.Vorsitzenden – denn tatsächlich wurde er noch im August Hieronymus´ Nachfolger in diesem Doppel-Amt. Beide hatten in erfolgreichen Zeiten selbst das HSV-Trikot getragen, aber wie man spätestens seit Magath (1997) und Seeler (1998) wusste, kann solcher Ruhm schnell verblassen, wenn der Betreffende in anderer Funktion zurückkehrt. Später hat Beiersdorfer, im Sommer 2002 noch mit erfrischend karrierewidriger Frisur, ebenfalls Haare lassen müssen, doch sein Vertrag ist seit August 2004 um drei Jahre verlängert. Dies beschlossen und verkündeten Udo Bandow und sein Aufsichtsrat, etliche Monate vor dessen anstehender Neuwahl. Ein wichtiges Signal sei das und ein Zeichen für „Kontinuität in der Führung“, äußerte dazu Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender seit März 2003 und somit Hackmanns Nachfolger, nachdem sich Ronald Wulff ausdrücklich nur für ein Interims-Comeback zur Verfügung gestellt hatte.

Dass es beim Hamburger SV keinen von den Mitgliedern gewählten Präsidenten mehr gibt, sondern einen Vorstandsvorsitzenden und einen Aufsichtsrat, der ihn bestellt und seinen Vertrag verlängert oder auch nicht, wurde Mitte der 90er Jahre erdacht. Uwe Seeler war der letzte Präsident und der erste Vorstandsvorsitzende; 1996 bestellte er noch recht ultimativ den Aufsichtsrat und nicht umgekehrt. Von dem seinerzeitigen bunten Gremium, bestehend aus zwölf Mitgliedern, waren im  Spätsommer 2004 noch vier dabei, nämlich Bandow, Horst Becker – vor gut  zwölf Jahren eine Zeit lang HSV-Präsident –, Dieter Horchler als einer von zwei stellvertretenden Vorsitzenden und Jan-Norbert Wendt, delegiert vom Verein Ochsenzoll. Aufsichtsrat der ersten Stunde war auch Hackmann, damals Geschäftsführer des Hamburger Sportbundes. Beide Tätigkeiten legte er Anfang 1997 nieder, um nunmehr die Geschäfte des HSV zu führen, zur Unterstützung und Entlastung Seelers, der darüber froh war und den neuen Mitstreiter über den grünen Klee lobte.

Von da an war der Sozialdemokrat Hackmann der kommende und starke Mann im HSV, wenngleich der Satzung gemäß vom Aufsichtsrat, der nur langsam seine Form fand, nach bestem Können kontrolliert.  Hamburgs „ewige“ (bis 2001) Regierungspartei, die SPD, war im Vorstand noch durch einen weiteren Ex-Senator, Volker Lange, repräsentiert und fand 1999 im Aufsichtsrat ihren Anchorman im früheren Umweltsenator Fritz Vahrenholt, der bald darauf Bandows anderer Stellvertreter wurde. Als sich im Dezember 2000 auch noch der ehemalige Bürgermeister Henning Voscherau in den Aufsichtsrat wählen ließ, schien es richtig spannend zu werden, aber das blieb eine kurze Episode.

Dass Hackmann nach Seelers Rücktritt kommissarisch den Vorstandsvorsitz übernahm, war ebenso logisch und fast zwangsläufig wie seine Wahl zum „richtigen“ – und erstmals bezahlten – HSV-Chef, nachdem auch Rolf Mares, im Oktober 1998 zum Nachfolger Seelers gewählt, vorzeitig entnervt aufgegeben hatte.

Hackmann, immer unter Strom, mal den machtbewussten Taktiker gebend, dann wieder mit impulsiven Entscheidungen überraschend, übernahm das Amt und die Konflikte. Als Fußball-Populist war er kein Naturtalent. Als man ihn im September 1997 im Stadion erlebte, wo er sich vor Beginn des Spiels gegen Bochum live interviewen ließ – es war der Tag des Yeboah-Debüts – und Sätze sagte wie: „Mal sehen, ob der Brazzo heute mal wieder ein Ding macht“, fragte man sich noch, ob er nicht lieber in der Politik hätte bleiben sollen (es hat, um das mal ganz klar zu sagen, seit seinem Rücktritt durchaus schlechtere Innensenatoren gegeben). „Brazzo“ war der kurz darauf nach München verkaufte Salihamidzic, und ein Ding machte er an dem Tag nicht. Aber Hackmann lernte schnell, das müssen Politiker können, und sein Standing bei den Fans verbesserte sich zusehends, trotz – oder wegen – seines Zugeständnisses, dass er ja nicht vom Fach sei und das Sportliche denen überlasse, die etwas davon verstünden.

Damit waren in erster Linie Frank Pagelsdorf und Holger Hieronymus gemeint, sein Trainer und sein sportlicher Leiter, die beide – gemessen am heute Üblichen – ziemlich lange im Amt waren, obwohl ihre sportliche Bilanz letzten Endes mäßig blieb. In den drei gemeinsamen Jahren von 1998 bis 2001 wurden 49 Prozent aller möglichen Punkte gewonnen und im Durchschnitt der Tabellenplatz 7,7 erreicht. Von 38 (!) Spielern, die während jener Zeit neu verpflichtet oder zurückgeholt wurden, sind gerade mal acht über längere Zeit Stamm- oder jedenfalls keine bloßen Ergänzungsspieler gewesen. Was auch wirtschaftliche Folgen hatte, denn buchhalterisch gesehen galt der Wert des Spielerkaders 2002 als geringer einzuschätzen als die Kosten, die man für ihn aufwenden musste.

Aber alle drei aus dem Führungstrio – Pagelsdorf, Hieronymus und mit ihnen Hackmann – hatten sowohl bei den Fans als auch bei der sonst so hyperkritischen Hamburger Presse enorm viel Kredit. Als am Saisonende 1999/2000 der 3.Platz in der Bundesliga erreicht und anschließend die Qualifikation für die Champions League erfolgreich überstanden wurde, befand sich das Trio auf dem besten Weg zum Kultstatus. Nach dem schon jetzt sagenumwobenen 4:4 gegen Juventus im September 2000 – einem Spiel, das mittlerweile zu einem Höhepunkt der Vereinsgeschichte stilisiert worden ist –, da schienen alle drei noch eine lange gemeinsame Zeit vor sich zu haben.

Vielleicht war das für das Binnenverhältnis und für die gegenseitige Kritikfähigkeit gar nicht so gut (obwohl es zwischen Pagelsdorf und Hieronymus früher auch schon heftig gekracht haben soll). Fest steht, dass dem Trio ausbleibende Erfolge lange nachgesehen und verziehen wurden, wo sich andere Trainer, Teamchefs und Präsidenten längst wütende Proteste und „raus“-Rufe eingebrockt hätten, vom Bohei in der Presse gar nicht zu reden. Bestimmt schweißt so etwas zusammen und verführt zu dem Glauben, dass Kritiker, so weit es denn noch welche gab, halt keine Ahnung hätten. Zum Beispiel diejenigen, denen der Verlust des Namens „Volksparkstadion“ nicht passte; Hackmann hatte gegen Zahlung einer so und so großen Summe eine „AOL-Arena“ daraus gemacht, und das stieß dann doch auf nachhaltigen Protest eines Teils der Fans.

Bandow, der Banker, hatte bei den Mitgliedern und Fans nie denselben Kredit, und das Wirken des Aufsichtsrats wird überhaupt sehr kritisch beäugt. Aber in der Trainer- und in der Sportchef-Frage hat sich der schließlich durchgesetzt. Als es partout nicht vorangehen wollte mit der Mannschaft, mussten zuerst Pagelsdorf und dann auch Hieronymus gehen. Kult oder nicht, unter zu viel Spannung musste die Dreierkette reißen.  Hackmann blieb allein übrig und der berühmte Tropfen, der das Fass auch bei ihm zum Überlaufen brachte, ist vielleicht Bandows Leitartikel in HSV live vom Oktober 2002 gewesen. Zitat: „Trotz immer wieder auftretender gegenteiliger Behauptungen liegt die Bestellung und Ablösung des Trainers allein in der Verantwortung des Vorstands.“ Das bezog sich auf die Pagelsdorf-Entlassung ein Jahr zuvor und sollte wohl heißen: „Wir hatten damit nichts zu tun.“

Inzwischen haben auch Hoffmann und Beiersdorfer die Ablösung und Neubestellung eines Trainers hinter sich gebracht – nicht ohne Schrammen, als sie im Herbst 2003 Kurt Jara durch Klaus Toppmöller ersetzten, kurz nachdem sie sich noch öffentlich hinter ihn gestellt hatten. „Eine Trainerdiskussion ist völlig albern“, erklärte Hoffmann ein knappes Jahr später, als auch „Toppi“ mit zwei Niederlagen in die Bundesliga-Saison 2004/05 gestartet und zuvor schon aus dem UI-Cup ausgeschieden war. „Aber“, so fuhr er im selben kicker-Interview fort, „ich erwarte einen Fortschritt, das ist klar.“ Es folgte das „Aus“ im DFB-Pokal durch ein 2:4 beim Regionalligisten Paderborn 07…

Die sehr grundsätzliche Frage, wie ein Bundesligaverein denn nun geführt werden muss, wenn er denn schon ein Wirtschaftsunternehmen ist, und was das genau bedeutet in einer Zeit, in der manche Wirtschaftsunternehmen offenbar geführt werden wie Sportvereine – die wird weiter im Raum stehen, so lange der Ball rund ist und nicht immer ins Eckige will.

jrp.

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